editorial 10.04

Stumme Sänger
War Opernchoreografie einst ein Zwischenspiel, ein stimmlos über die Bühne stiebendes Spektakel, ein mehr oder minder symbolisch illustrierender Chor wie zuletzt beim Auftakt der Olympischen Spiele (S. 8), halten heute Choreografen immer öfter das Heft über die Oper selbst in der Hand – Reinhild Hoffmann, Anne Teresa De Keersmaeker, Rosamund Gilmore, Emio Greco, bald auch: Sasha Waltz und Karole Armitage– so, wie es zuletzt wohl nur zu Barockzeiten üblich war. Musikstücke jener Zeit waren immer auch Tanzdramen, in denen gerade der Chor im Barock glänzend frivol behandelt wurde: Jäger, Bauern und Soldaten traten in Ensembles auf, tänzerisch-festlich, als Folie einer Adelsgesellschaft, die sich durch die Oper den Ausdruck ihres Daseins verlieh. Erst die Romantik schuf ein Gleichgewicht zwischen den choralen und den individuellen Szenen. Erst da machte auch die Choreografie der Regie Platz und die raumgreifende Chorbewegung der individuelleren Charakterisierung. Das Ballett imitierte nurmehr stumm den Prozess dieser bürgerlichen Individualisierung, und ebenso stumm übernahmen auch bedeutende Tänzer so große Rollen wie Pina Bausch noch 1973 in Boris Blachers stummer «Yvonne, Prinzessin von Burgund».

Vielleicht war es kein Zufall, dass Pina Bausch erst nach «Yvonne» ihren Tänzern selber Stimme verlieh und sie zu Wort kommen ließ. Dass Jan Fabre sein erstes Ballett «Das Glas im Kopf wird vom Glas» 1987 mit Eugeniusz Knapik sogar selbstständig zur Oper «The Minds Of Helena Troubleyn» (1990) erweiterte, machte schließlich unübersehbar, dass der Weg zur Opern-Größe auch für Choreografen wieder geebnet ist, nicht bloß als ein lukrativer Nebenjob.

Was ebenso wiederkehrt: das kritische Verständnis für die Musik, wie Joachim Schlömer in dieser Ausgabe erläutert. Das freut insbesondere Komponisten wie den IrenMichael Weaver und den musikalischen Partner Gerhard Bohners, Roland Pfrengle. Beide argumentieren eindrücklich, dass der Weg nicht zur Oper, sondern über sie hinaus auch zu einem neuen, mit dem Körper reflektierten Musiktheater führen kann. Da gehen wir mit, sogar herzlich gern, Ihre ballet-tanz-Redaktion